Die TeekanneVon
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Es
war einmal eine stolze Teekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz auf
ihre lange Tülle, stolz auf ihren breiten Henkel; sie hatte etwas vorne
an und hinten an, den Henkel hinten, die Tülle vorn, und davon sprach
sie; aber sie sprach nicht von ihrem Deckel, der war zerbrochen, der
war gekittet, der hatte einen Fehler, und von seinen Fehlern spricht
man nicht gerne, das tun die andern genug. Tassen, Sahnekännchen und
Zuckerdose, das ganze Teegeschirr würde wohl mehr an die
Gebrechlichkeit des Deckels denken und von der sprechen als von dem
guten Henkel und der ausgezeichneten Tülle, das wußte die Teekanne.
"Ich
kenne sie!" sagte sie zu sich selber. "Ich kenne auch wohl meine
Mängel, und ich erkenne sie, darin liegt meine Demut, meine
Bescheidenheit, Mängel haben wir alle, aber man hat doch auch Begabung.
Die Tassen erhielten einen Henkel, die Zuckerdose einen Deckel, und ich
erhielt noch ein Ding voraus, das sie niemals erhalten, ich erhielt
eine Tülle, die macht mich zur Königin auf dem Teetisch. Der
Zuckerschale und dem Sahnekännchen ward es vergönnt, die Dienerinnen
des Wohlgeschmacks zu sein, aber ich bin die Gebende, die Herrschende,
ich verbreite den Segen unter der durstenden Menschheit; in meinem
Innern werden die chinesischen Blätter mit dem kochenden geschmacklosen
Wasser verbunden."
All dies sagte die Teekanne in ihrer
unternehmenden Jugendzeit. Sie stand auf dem gedeckten Tisch, sie wurde
von der feinsten Hand erhoben: aber die feinste Hand war ungeschickt,
die Teekanne fiel, die Tülle brach ab, der Henkel brach ab, der Deckel
ist nicht wert, darüber zu reden; es ist genug von ihm geredet. Die
Teekanne lag ohnmächtig auf dem Fußboden; das kochende Wasser lief
heraus. Es war ein schwerer Schlag, den sie erhielt, und das Schwerste
war, daß sie lachten; sie lachten über sie und nicht über die
ungeschickte Hand.
"Die Erinnerung kann ich nicht loswerden!"
sagte die Teekanne, wenn sie sich später ihren Lebenslauf erzählte.
"Ich wurde Invalide genannt, in eine Ecke gestellt und tags darauf an
eine Frau fortgeschenkt, die um Küchenabfall bettelte; ich sank in
Armut hinab, stand zwecklos, innerlich wie äußerlich; aber da, wie ich
so stand, begann mein besseres Leben; man ist das eine und wird ein
ganz anderes. Es wurde Erde in mich gelegt; das heißt für eine
Teekanne, begraben zu werden; aber in die Erde wurde eine Blumenzwiebel
gelegt; wer sie hineinlegte, wer sie gab, das weiß ich nicht; gegeben
wurde sie, ein Ersatz für die chinesischen Blätter und das kochende
Wasser, ein Ersatz für den abgebrochenen Henkel und die Tülle. Und die
Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir; sie wurde mein Herz,
mein lebendes Herz; ein solches hatte ich früher nie gehabt. Es war
Leben in mir, es war Kraft, viel Kraft; der Puls schlug, die Zwiebel
trieb Keime; es war, wie um zersprengt zu werden von Gedanken und
Gefühlen; sie brachen auf in einer Blüte; ich sah sie, ich trug sie,
ich vergaß mich selber in ihrer Herrlichkeit; gesegnet ist es, sich
selber in anderen zu vergessen! Sie sagte mir nicht Dank; sie dachte
nicht an mich - sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war froh
darüber, wie mußte sie es da sein! Eines Tages hörte ich, daß gesagt
wurde, sie verdiene einen besseren Topf. Man schlug mich mitten
entzwei; das tat gewaltig weh, aber die Blume kam in einen besseren
Topf - und ich wurde in den Hof hinausgeworfen - liege da als ein alter
Scherben - aber ich habe die Erinnerung, die kann ich nicht verlieren."